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Der Bosporus als Grenze zwischen der “europäischen” und “asiatischen” Seite Istanbuls

Kritische Stimmen waren 1963 nicht zu hören, als mit dem Assoziierungsabkommen von Ankara die politische Basis für einen möglichen Beitritts der Türkei zur EU gelegt wurde. Walter Hallstein, erster Vorsitzender der Europäischen Kommission (CDU) hat damals ohne wenn und aber festgestellt: „Die Türkei ist ein Teil Europas.”

Heute sieht das Bild anders aus. Über den Beitritt der Türkei zur EU sind die öffentliche Meinung und die Politik gespalten. Das Thema der Religionsfreiheit, die Zypern-Frage, der Umgang mit der Geschichte der Armenier sind nur einige strittige Punkte.

Die Diskussion um den Beitritt der Türkei zur EU ist immer eine Frage über die Grenzen Europas – in jeder Hinsicht: historisch, politisch und kulturell. Doch die Geschichte hat gezeigt, dass diese Grenzen Europas flexibel waren, Europa ist eine Konstruktion.

Besonders in Istanbul scheinen die Grenzen zwischen Europa und der Türkei zu verschwimmen. Die Stadt wird durch den Bosporus nicht nur selber in einen „europäischen“ und einen „asiatischen“ Teil geteilt. Die Meerenge markiert auch die Trennung zwischen einer Millionenstadt, die auf den ersten Blick vielen europäischen Städten ähnelt und dem traditionellen Osten des Landes.

Meinungsumfragen haben gezeigt, dass der Großteil der türkischen Bevölkerung sich immer noch für einen Türkeibeitritt ausspricht. Auch die Elite der Türkei blickt in Richtung Europa. Die französischsprachige Universität Galatasaray in Istanbul organisiert seit zwei Jahren das europäische Intensivprogramm „Eurodemos – „De l’Europe des empires à l’empire Européen“. Das Parteiensystem Europas, ist in diesem Seminar genauso Thema wie Religion in Europa, die Geschichte des Ottomischen Reiches, Europa in der Türkei und die Frage nach der Identität Europas.

Heinrich August Winkler, Geschichtsprofessor an der Humbold-Universität in Berlin sagt, die Türkei besitzt Spezifika, die das Land von anderen EU-Kandidatenstaaten grundlegend unterscheiden: „Die Türkei hat im 20. Jahrhundert einen innerhalb der islamischen Welt einzigartigen Prozess der Teilverwestlichung durchlaufen.“ Doch nach ihm sind die politischen und rechtlichen Veränderungen noch nicht genug, um einen sofortigen Beitritt der Türkei zur EU zu unterstützen.

Kulturwissenschaftler und Politologen sind sich jedoch einig, dass sich aus der Geografie keine eindeutigen Kriterien für oder gegen den Eintritt ableiten lassen.

 

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